DIE ALCHEMIE DER PRÄSENZ
Einzelausstellung: Judith Sturm
Ausstellungsdauer: 02.04.2026 - 22.04.2026
In ihrer neuesten Solo Show in der Galeria HMH präsentiert Judith Sturm eine Werkserie, die das Spannungsfeld zwischen figurativer Repräsentation und stofflicher Abstraktion neu auslotet. Unter dem Titel „Die Alchemie der Präsenz“ wird der Flamingo – ein klassisches Motiv der Anmut – zum Sujet einer tiefgreifenden metaphysischen Untersuchung.
Sturms künstlerische Praxis ist ein Prozess der Metamorphose: Durch den gezielten Einsatz von mallorquinischem Meersalz in ihren Farbschichtungen initiiert sie chemische Reaktionen, die über die rein visuelle Darstellung hinausgehen. Es entsteht eine haptische Oberfläche von organischer Intensität, welche die Flüchtigkeit des Augenblicks in eine dauerhafte, physische Präsenz überführt.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiger Katalog, der das Werkverzeichnis dieser Serie dokumentiert und durch eine profunde kunsthistorische Analyse von Mag. Marion Fischer ergänzt wird.
Die Alchemie der Präsenz: Judith Sturms Flamingo-Metamorphosen
Eine kunsthistorische Einordnung zwischen Habitat und Individuation
In der zeitgenössischen Malerei Judith Sturms begegnen wir einer bemerkenswerten Rekontextualisierung des Flamingo-Motivs, die weit über die rein figurative Repräsentation hinausgeht. Sturm entzieht das Tier seiner populärkulturellen Überformung und überführt es in eine Sphäre der materiellen Untersuchung. Zentral für das Verständnis ihres Schaffens ist die dialektische Verschränkung von Sujet und Substanz: Durch die Integration von mallorquinischem Meersalz (Flor de Sal d’Es Trenc) wird das Werk zum physischen Depot seines eigenen Habitats.
I. Der Ursprung: Materielle Archäologie (2017)
Der künstlerische Prozess von Judith Sturm begann im Jahre 2017 als eine Form der materiellen Spurensicherung in den Salinen Mallorcas. In diesen frühen Arbeiten agiert das Salz nicht als bloßes Additiv, sondern als strukturbildendes Agens. Wie in den Werken von 2017 sichtbar, erzeugt die mineralische Kruste eine fast reliefartige, korrodierte Textur, die den Hintergrund in eine organische Membran verwandelt. Der Flamingo wird hier noch in seiner ursprünglichen Farbgewalt präsentiert, eingebettet in die raue, haptische Realität seines Ursprungsortes – ein künstlerischer Dialog mit dem Genius Loci.
II. Die Dekonstruktion der Farbe: Gentle Harry und die Satelliten
In der Folgezeit radikalisierte Sturm ihren Ansatz durch eine konzeptionelle Aufbrechung der Bildgrenzen. Das Ensemble um „Gentle Harry“ markiert einen Meilenstein der chromatischen Abstraktion. Fernab des klassischen Pinks dominieren hier kühle Blau- und Türkistöne. Die flankierenden, monochromen Satelliten fungieren als chromatische DNA: Sie isolieren die farblichen Urzustände des Hauptmotivs – das dichte Schwarz der Schnabelspitze, das tiefe Blau des Halses – und laden diese haptisch auf. Hier wird der Flamingo nicht mehr nur als biologisches Wesen dargestellt, sondern in seine energetischen Fragmente dekonstruiert.
III. Sense & Sensibility: Die Metamorphose zur Haut (Heute)
In ihrer aktuellen Werkphase erreicht die Anthropomorphisierung (Vermenschlichung) eine neue, radikale Qualität. Ein entscheidendes Merkmal von Sturms Technik ist die bewusste Abkehr von der Darstellung des Gefieders. Sie malt keine Federn; sie malt Haut. Dieser Transfer des Inkarnats – der klassischen Darstellung menschlicher Hauttöne – auf den Tierkörper erreicht im Diptychon „Sense & Sensibility“ seinen konsequenten Höhepunkt:
- „Sense“ erscheint als beinahe menschliches Wesen aus Fleisch und Blut. Durch die Verwendung von zarten Haut- und Erdtönen vor einem sandbeigen Hintergrund verliert der Flamingo seine exotische Distanz. Er wird zum Träger einer verletzlichen, intimen Körperlichkeit.
- „Sensibility“ spiegelt dieses Motiv als emotionalen Gegenpol in leuchtendem Pink vor einem warmen Peach-Fond.
Diese chromatische Transposition ist ein meisterhafter kunsthistorischer Kniff: Das Tier wird zum Spiegelbild menschlicher Existenz. Die Grenze zwischen dem „Anderen“ der Natur und dem „Selbst“ verschwimmt in einer symbiotischen Einheit aus Sand, Salz und Pigment. Mag. Marion Fischer
Opening Hours
Mon - Sat: 11am – 6pm
Closed on Sundays
